19 – Neunzehn

Achtung – dieser Fortsetzungsroman ist keine gute-Nacht-Geschichte. Achtung, nur für Erwachsene. Informationen zu „Elphenbein“ mit *klick* aufs Bild im Text. (Foto: Pies Gestalten)

Kapitel 19 – Neunzehnelf19
Die Chance besteht durchaus. Was für eine mickrige Aussicht.

Helia hat entschieden. Sie wird sich nicht länger darauf stützen, auf diesem Weg ihr Praktikum zu erarbeiten. Stattdessen braucht sie einen Führerschein. Sie lächelt. Mit einem Mal erscheint er als Ziel vor ihren Augen. Mit der Konzentration eines Durstigen,
der zur Fata Morgana eilt, so heftet sie sich an ihre neue Aufgabe, deren schlichte Einfachheit wie ein kühlender Strom durch ihr überhitztes Hirn rinnt.

Ihre Mutter hält den einfachsten Weg, den zielgerichteten, für ein Zeichen lachhafter Profitgier. Na klar. Aber Helia wird Geld verdienen, irgendwie, um damit ihre eigentlichen Interessen weiter zu verfolgen. Wütend, aber voller neuer Energie beginnt sie, die Schubladen auszuräumen. Einige der Materialien lassen sich vielleicht noch verkaufen.

Ihre Mutter, ha, sitzt auf einem Bauernhof und wartet, bis die Welt sich um sie herum entwickelt! Die Tochter dagegen hat keine Lust, auf gute Eingebungen zu hoffen. Zeit ist kostbar. Es gibt zu viele Probleme, die verhindern, dass sich etwas zum Guten entwickelt.

Schlechte Eingebungen müssen bekämpft werden. Sie zittert. Wie viel Zeit bleibt ihr noch?…. Darf man sich das fragen?

Seit dem Eintippen des Aufladecodes ist eine halbe Stunde vergangen. Sie greift zum Handy, wählt die Nummer von Paul, dem Medizinstudenten, und lauscht auf das Tuten. Schon beim zweiten Anrufzeichen geht er ran. Offenbar ist er noch zuhause, hat gewartet und das Handy neben sich auf den Tisch gelegt. Ob Sie deswegen eher dankbar oder eingeschüchtert ist, kann sie gerade nicht fühlen.
Er sagt: „Hallo Helia.“
„- Hey.“ Sie merkt, wie ihr Puls hoch geht. „Du, es tut mir leid wegen heute Morgen. Ich muss dich was fragen.“

„Erst reißt du mich um halb 8 aus dem Schlaf um mir bescheuerte Anweisungen wegen dieser Alten zu geben-“
Helia atmet aus. Offenbar hat er Elli schon getroffen.

„ -und dann haust du so schnell ab, das ich nicht mal dazu komme, dir auch nur eine einzige Frage zu stellen. Du weißt, wie du aussiehst?“

„Tut mir leid. Können wir da später drüber reden?“
… es hätte sicher eine einfachere und heimlichere Methode gegeben, als Paul anzurufen. Sie fragt sich, warum sie es trotzdem macht.
Paul ist nicht zu besänftigen.
„Ach super. Ist die Nutte deine Freundin?“
– „Hey, bitte! Ich hab ein Problem!“
„Das glaub ich sofort.“
„Ja, aber du hilfst mir nicht, wenn du mich anzickst! Ich wollte dich nur etwas fragen, dann lasse ich dich sofort in Ruhe.“

Er grummelt, die Aussicht, dass Helia ihn mit der Sache in Ruhe lässt, ist absolut nicht nach seinem Geschmack. „Frag.“

„Wenn man einen normalen Aidstest machen lassen will, dann geht das erst nach mehreren Monaten, richtig?“

„Ja. Drei Monate nach dem fraglichen Kontakt.“

„Aber wenn ich drei Monate warte, hat sich dann nicht der Virus eventuell schon richtig ausgebreitet?“

„Ja, doch.“ Pause.  „Es gibt die Möglichkeit, binnen vierundzwanzig Stunden quasi ein Gegenmittel zu spritzen, aber darauf greift man nur zurück, wenn man sicher infiziert worden ist. Das Mittel ist derart hochkonzentriert, das tötet nicht nur den Virus. Das ist pures Gift.“

„Was heißt, wenn man sicher ist? Ich hatte Sex.“

„Was denn. Hat er gesagt, das er positiv ist? Oder wie kommst du darauf? Oder…. Es ist aber nicht das Mädchen, oder?“

„Er ist ein Junkie.“  Schweigen in der Leitung. Als die Antwort endlich kommt, klingt sie seltsam müde.

„Ehrlich Helia, dann kann ich dir auch nicht helfen.“

Es hallt nach. Ich kann dir nicht helfen. Ich will dir nicht helfen.
Es klingt so ungesund. Er will nicht helfen. Über Helias Wangen laufen Tränen. Sie muss ihr Kinn überstrecken, damit der Kloß in ihrem Hals nicht herausplatzt.

„Es war nicht meine Idee“, flüstert sie schließlich. „Ich bin nicht sicher, aber weil er ein Junkie ist…“ Dann ist alle Luft hervorgepresst und Sie muss aufschluchzen, um wieder zu Atmen.

Paul wird nicht laut, er antwortet leise, knurrend. „Du hast sie doch nicht mehr alle.“

Helia spürt ihre Verzweiflung. Sie fühlt Sie auf ihrem Rücken; wie es die Oberarme an den Körper presst, auf die Schulern kriecht – dann erreicht es den Nacken und packt ihren Kopf wie eine pechschwarze Kapuze, einhüllend, umhüllend, abschließend.
Es ist ein schlimmes Gefühl, von der eigenen Angst überwältigt zu werden.

„Es war doch nicht meine Idee. Ich…“ das Handy ist tonnenschwer, ein tränennasser Klotz in ihrer Hand. „…ich wollte nicht.“ Sie legt auf.

…definitiv  –

…ein Fehler ihn anzurufen.

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