Am Anfang war ein Steckenpferd – über die Abnormalypse

Abnormalypse ist ein transmediales Straßentheaterstück,
in welchem eine Varietékünstlerin auf einem Pferd zum Apokalyptischen Reiter wird und in Anwesenheit der Zuschauer den Weltuntergang beschwört.

Aus dem Ankündigungstext:

“Die Apokalypse” – übersetzt: der Schleier wird gelüftet.

 Dies ist das kompromisslose Solo-Musical der ehemaligen Artistin Barbara Schund. Der Untergang ihres Standes hat sie gelehrt, die Welt in Frage zu stellen.
 Es wird ihr allerletzter Auftritt sein und zugleich die einzige Vorstellung von einer Show mit unumgänglichem Ausgang.
 Barbara feiert die Apokalypse, um ihre Welt aus den Angeln zu heben - und die der Zuschauer gleich mit.

Dieses Stück ändert das Verhältnis von Darsteller und Publikum und macht „Theater“ als eine gemeinsame Reise ins Ungewisse erfahrbar.
Foto: Rüdiger Schestag, Ort: Waggons Stuttgart
Foto: Rüdiger Schestag, Ort: Waggons Stuttgart

Wie es dazu kam

Abnormalypse entstand 2013 als Studien-Abschlussprüfung.

Aus der Idee geboren, sich mit der Abschlussarbeit vor einem neuen und unvorbereiteten Publikum zu präsentieren, wurde das komplett selbst zu erfindende Abschlussstück als Straßentheater konzipiert.

Das war Inhaltlich von großer Bedeutung: Die Thematik des Theaterstückes sollte bei möglichst vielen Leuten direkte  Assoziationen hervorrufen können:
Sie sollten  auf den ersten Blick „mittendrin“  sein.

Es würde keinerlei Einführung, kein Bühnenlicht und kaum Ton zur Verfügung stehen. Nicht einmal Szenenwechsel, Kostümwechsel oder Zeitsprünge waren möglich.
Die Geschichte musste sich „am Stück“ ereignen.

Am Anfang gab es nur ein Steckenpferd – die erste Figur.

Die Lust, damit wild auf dem Marktplatz herum zu reiten,
war die Initialzündung:

Eine Apokalyptischen Reiterin in der Fußgängerzone!

Spiele und Filme zu den schwarzen Reitern oder zum Ende der Welt gab es gerade zuhauf, in der bildenden Kunst waren diese Themen ohnehin schon ewig vertreten.

Also schnell die verschiedenen Mythologien studiert…
…. und dabei heraus gefunden, dass solche, für beinahe alle Religionen wichtigen Bestandteile des Weltunterganges,
wie Krieg als Belohnung, Wiederauferstehung und  letzte Schlacht, nicht für dieses Solo-Theater taugten.

Die weitere Materialsuche aber förderte Schilderungen über Voodoo-Praktiken und die Weltanschauung von ehemaligen Sklaven
auf Haiiti zutage. Darin fanden sich allerhand fantasievolle Gedanken:

Von der Manifestation der Geister in menschlichen Körpern, über die Vorstellung, von Göttern geritten zu werden wie ein Pferd;
Vor Allem der gekonnte Mix des Voodoos mit dem Christentum,
den die Menschen auf Haiti noch heute praktizieren, um ihrer alten Religion trotz der aufgezwungenen neuen Staatsreligion nachgehen zu können, beflügelten geradezu die Erfindung einer ganz eigenen Weltanschauung nur für die Theatercharaktere.

Probenfoto, Bild: Vanessa Valk
Probenfoto, Bild: Vanessa Valk

Das Stück brauchte eine eigene Mythologie.
Die Suche nach mythologisch verklärbaren, vom Pferd aus zu bedienenden Requisiten begann.

Vollkommen klar war auch, dass  eine Geschichte vom Weltuntergang erst mit der Beteiligung des Publikums wirklich spannend werden würde.
Nicht nur gucken, sondern mitfiebern – Und dabei im Hinterkopf stets den Satz :
„wie wäre das, wenn morgen alles vorbei wäre?“

Die Idee vom öffentlichen Ritual kam auf.

Damit die Passanten dafür aufgeschlossen sein würden,
mussten sie zuvor durch schöne Bilder verführt werden.

Dies war der Schlüssel zum 2. Charakter des Stückes.
Wer konnte verführen?
Die Protagonistin, die Reiterin Barbara.

Fräulein Barbara Schund, ehemalige Vatietekünstlerin, charmant aber durchgeknallt. Sie wurde mit einer traurigen Lebensgeschichte ausstaffiert und bei ihrer Erfindung nachhaltig dahingehend geprägt, den Weltuntergang herbeizuwünschen .

Sie war es, die im Stück das apokalyptische Ritual herbeiführen wollte, Barbara war die Initiatorin der Geschichte.

Außerdem konnte Sie genialerweise die  Realitätsverschiebung der Zuschauer herbeiführen: Als pseudo-reale Figur konnte Barbara sich auch schon im Vorfeld an das potentielle Publikum wenden.
Mit Ansichtskarten, Videobotschaften und anderen modernen Nachrichten, machte Barbara Schund bereits vor der Premiere von sich Reden. Es waren Botschaften, welche an der Authentizität der Abnormalypse mitwirkten.

Als schwierigsterTeil des  Stückes stellte sich zum Ende hin die Umsetzung des Rituals heraus:
Mitten in der Stadt, mit einfachsten Mitteln machbar, religiös möglichst unverfänglich.
Ein Ablauf, welcher sich mit der erfundenen Mythologie rechtfertigen ließ, und der genug Spielraum bot, um ihn mit der Beteiligung von unterschiedlichsten Zuschauern durchführen zu können.

Und es blieben noch zwei Ideen, die in das Stück integriert wurden: Erstens die mögliche Beteiligung von weiteren Spielern, und zweitens ein offenes Ende des Stückes mit einem Flashmob.

„Abnormalypse“ wurde im Oktober 2013 mit freundlicher Genehmigung der Stadt auf dem Marktplatz in Stuttgart uraufgeführt.
Seither gab es erst zwei Mal die Möglichkeit, das Stück genehmigt zu spielen.
Wegen der katastrophalen Attentate in den vergangenen Monaten wird es vermutlich noch  dauern, bis es wieder Zeit ist für eine Straßentheater-Auseinandersetzung mit dem Weltuntergang.

Hier aus dem Mitschnitt vom Marktplatz in Stuttgart

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.