4 – Elphenbein

Achtung – dieser Fortsetzungsroman ist keine gute-Nacht-Geschichte. Achtung, nur für Erwachsene. Informationen zu „Elphenbein“ mit *klick* aufs Bild (Foto: Pies Gestalten)elf4_2

Kapitel 4 – VIER

Helia stiefelt eilig den Treppenschacht hoch Richtung Werkstatt, noch 13 Stufen, noch 5 – und dann raus in den Flur, 7. OG, hinter der kaputten Glastür beginnt das Künstlerparadies. 2. Tür links, schmaler Gang geradeaus an den Toiletten vorbei, rechts rein und dann an der Fensterfront entlang bis nach hinten durch. Ihre schnellen Schritte hallen durch die Räume.

Kein Schwein da heute, niemandem auf der Treppe begegnet (Fahrstuhl – blos nicht), Schweißperlen auf der Stirn, aber zum Glück keiner der sieht wenn sie sich, jetzt hier oben angekommen, endlich ihres Pullis entledigt und nur dieses weiße lose Unterhemd drunterhat. Sie gibt sich Mühe, alles vorsichtig über ihren Kopf zu ziehen; aber ist nicht vorsichtig genug – der Stoff streift ihr Kinn und bleibt schmerzhaft am Schorf hängen.
Sie läuft langsamer, vorsichtiger, mit dem Pulli noch halb überm Gesicht, autsch, nicht berühren; verheilen lassen.

Lieber sollen keine Tränen kommen, bevor das Auge noch weiter zuschwillt; vorher hinfassen und wegwischen. oder einfach in Ruhe lassen und spüren wie das runter laufende Salz in der Wunde kristallisiert?
Sie blinzelt.

Das Licht im Raum hinter dem Tränenschleier ist sonnig. Sie ist entschlossen,
kein Kind von Traurigkeit zu sein. Einatmen, ausatmen.
Nicht weinen.
Ablenkung… sie braucht jetzt irgendwas zum dran denken um nicht loszuheulen –

In der Tür vom Atelier liegen Leuchtwürfel gestapelt, tuchbespannte Holzkonstruktionen. Wer hat die hier hingepackt und nicht aufgeräumt? Helia hebt einen hoch.

Die Würfel sind hässlich. Außerdem haben sie hier nichts verloren. Man könnte sie glatt… kaputtmachen, weil keiner der im Atelier eingemieteten die Flügeltür zustellen darf, … durch die schließlich alle durch müssen? Oder oder –
kann sie den vielleicht noch für irgendwas gebrauchen? Sie stülpt den Würfel über ihren Kopf. Ha, perfekte Wundentarnung! Kleiderordnung for today! Sie muss kichern. Ablenkung geschafft. Es ist beruhigend, im Atelier zu sein, wenn keiner sonst da ist.
Wie auf einem Abenteuerspielplatz und man kann ein bisschen rumstöbern und einfach so zum Spaß in fremder Leute Sachen herumwühlen, oder einfach nur da sein, nix machen, sozusagen Athmosphäre wirken lassen…

Sie lehnt sich gegen die Wand und lässt den Blick wandern.

Der Raum erstreckt sich über die komplette Breite des Gebäudes, vorne fenster,
links fenster, rechts fenster, nur sind ein paar von ihnen an dieser Stelle mit Alufolie verklebt, seit dort mal Graspflanzen standen: Der Platz von Levin, dem Sohn vom Chef.

Und dort glitzert jetzt verlassen Levins Glasbausteinpalast im Sonnenlicht, ein etwas auf über Kopfhöhe gestapeltes Rondell, aus dem das obere Ende eines improvisierten Hochsitzes herausragt. Er macht ein großes Geheimnis um dieses Bauwerk.
Aber zum Glück ist er nicht da.

Helia drückt ihre Hände gegen das Glas. Kalt. Sie überlegt, ihr vermatschtes Auge dagegenzudrücken, entscheidet sich aber aufgrund der braunen Schlieren auf den Steinen dagegen. Uäääh. Was macht der Kerl mit seinem versifften Schutthaufen und mehr Platz als alle anderen eigentlich? Vielleicht, weil sie einfach nicht gut drauf ist heute und es gut tut, wenn man mal auf alle Konsequenzen scheißt, geht Helia um den Glaspalast herum und zum Eingang. Sie zieht den Vorhang zur Seite.

Über Flaschen hinweg bahnt Sie sich vorsichtig den Weg zum Schreibtisch. Dort liegt eine ihrem Aussehen nach ziemlich teure Kamera. Oh, Levin macht also Filme! Hochinteressant. Sie merkt sich, wie rum die Kamera lag, hebt sie auf ihren Schoß und drückt an den Knöpfen herum. Ausschalten. Einschalten. „Abspielen“ kann sie nicht finden. Selbst wenn jetzt jemand ins Atelier käme, könnte derjenige sie im Glassteinbau nicht sehen.
Es bleibt genug Zeit, zu suchen, bis sie die richtige Funktion findet.

Sie traut sich nicht, „Aufnahme“ zu drücken, solange sie nicht genau weiß, wie das mit dem Löschen geht. Keine Spuren hinterlassen.

Vielleicht sollte sie sich ein bisschen bei Levin einschleimen, damit der ihr die Kamera leiht. Und vorallem: erklärt. Denn heimlich scheint es nicht zu funktionieren – Helia legt sie enttäuscht wieder weg.

Nächster Punkt. Auf dem Tisch sind: ein halboffener Laptop, die Reste von zum Bauen verwendeten Kippen, eine einfrierbare Plastikdose mit offensichtlich Gras, Müll,
kaputter Mist, Dreck, eine fast volle Rolle Kekse und ein Playboy.

H blättert kurz durch und verliert nach ein paar Minuten das Interesse. Sie will auf den Hochsitz! Sie nimmt sich noch einen Keks, legt die Kekspackung wieder genau so hin, wie sie vorher lag, und klettert die Leiter hoch.

Und dort sitzt sie sich auf der obersten Sprosse und denkt an Elli, die allein gelassen im Bett liegt.

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