39 – Elphenbein

Achtung – dieser Fortsetzungsroman ist keine gute-Nacht-Geschichte. Achtung, nur für Erwachsene. (Informationen zu „Elphenbein“ unter
www.pies-gestalten.de/ueber-elphenbein/ )

Kapitel 39 – Neununddreißig

Freitag, der 10. Juni. Hellblaue Wolkenfetzen zogen in Bändern über den orangefarbenen Himmel. Mit einem gigantischen Abendrot verabschiedete sich der Tag –
die eilenden Mütter, müden Touristen, stillen Senioren und sonstige Menschen, die am frühen Abend die Stadt zu bevölkern pflegten, verschwanden allmählich in ihren Hauseingängen.

Auf den Straßen tummelten sich nun Gruppen junger Leute, unterwegs in die Nacht. Viele hatten Bier dabei und kreuzten sich auf den Fußwegen mit solchen, die Kartoffelsalatbepackt zu ihren Autos flitzten und die Schüsseln auf den Rücksitz hievten.

Eine Frau mittleren Alters schlängelte sich ärgerlich durch eine Gruppe ausländischer Studenten. Mit quietschenden Reifen brauste sie hektisch davon und hinterließ eine staubige Dunstwolke.
Die Studenten prosteten ihr hinterher, doch kurz vor der Brücke fielen sie plötzlich in Laufschritt, rannten über die Kreuzung und erreichten knapp ihre Straßenbahn.

Für den Bruchteil einer Sekunde war es ruhig auf der Straße.
Das warme Pflaster schimmerte rötlich in der Dämmerung.
Elli stieß einen kleinen, erleichterten Seufzer aus.
Sie trug ihre nachtblaue Lederjacke und ihr ungekämmtes Haar raschelte bei jedem Schritt ein wenig auf ihrer Schulter.

Sie hatte beschlossen zu laufen, um sich schon auf dem Weg ein bisschen abzureagieren.
Nun, da sie niemanden mehr vor sich hatte, beschleunigte sie ihre Schritte, und ihre Schuhe hallten unter der Brücke, bis das Rattern einer Eisenbahn oben durch die ganze Unterführung dröhnte.

Aus einem geöffneten Fenster drangen die schlecht abgestimmten Höhen und Tiefen einer billigen Musikanlage, eine Flasche flog auf den Bordstein und zerschellte. Elli zog den Reißverschluss ihrer Jacke hoch und lief mit verschränkten Armen weiter. Vom Gestrüpp auf der anderen Straßenseite wehte hin und wieder eine Wolke ekelhaften Dunstes herüber, Urin und das Ergebnis von zu vielen Hunden in einer Großstadt.

Sie hatte sich auf den Weg durch eine verkommene und nur dünn bebaute Gegend gemacht. Außer der großen Verbindungsstaße an der Marienbrücke, der alten orientalischen Tabakfabrik und dem Sportgelände dahinter gab es hier nichts wirklich Erwähnenswertes, das „Ballwerk“ einmal außen vor gelassen.
Am westlichen Ende des Sportparks führte eine geschotterte Straße hinter den Laufbahnen vorbei zu dem Gebäude, das von keinem einzigen Taxi erreicht werden konnte und daher von gewissen Besuchern verschont blieb.

Elli hatte den Club vor einigen Jahren kennengelernt, es war sogar mit Anne gewesen – noch bevor sie sich ihr offenbart hatte.

Sie hatten beide schrecklich viel getrunken. Später, auf dem Heimweg, kam die letzte Straßenbahn nach Hause nicht, und erst standen sie noch ratlos und fröstelnd an der Haltestelle – zum trampen fehlte ihnen der Mut.
Schließlich mussten sie sich bewegen, um ein bisschen Wärme aufzubauen, und machten sich ziellos auf den Weg.

Eine Vereinskneipe, die sie in der Nähe des Ballwerks aufspürten, stellte sich als Heim und gleichzeitig Arbeitsplatz eines ehemaligen Zuhälters heraus.
Der Wirt war zwar nett, aber auch merkwürdig.

Seine Kaschemme bot eine Heizung, also blieben sie notgedrungen dort. Anne hatte Angst, wenn der Wirt sie interessiert ansah, und Elli hatte Angst, weil sie minderjährig war. Jedes Mal, wenn er Luft holte und zum nächsten Satz ansetzte, befürchtete sie die alles entscheidende Frage nach dem Alter.
Die Stunden bis zum Morgengrauen vergingen endlos langsam.

Als sie sich schließlich wieder an der Haltestelle einfanden, um auf die erste Bahn am Morgen zu warten, und in wenigen Minuten gleich drei Streifenwagen an ihnen vorbei fuhren, drohte ihre Nervosität zu eskalieren:
Elli erwog sogar, sich hinter einer Hecke zu verstecken, bis der Berufsverkehr einsetzte und sie zwischen den Leuten nicht weiter auffallen würden. Aber Anne wollte schnellstmöglich nach Hause.

Am Ende wurden sie nicht kontrolliert, konnten sich unbemerkt in Annes Zimmer schleichen und waren kurze Zeit später auf dem Weg in die Schule.

Ehrensache, dass sie nach diesem Abenteuer häufiger zum Ballwerk fuhren.

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