22 – Elphenbein

Achtung – dieser Fortsetzungsroman ist keine gute-Nacht-Geschichte. Achtung, nur für Erwachsene. Informationen zu „Elphenbein“ mit *klick* aufs Bild im Text. (Foto: Pies Gestalten)

Kapitel 22 – Zweiundzwanzig

„Mach ich – “, sagt sie, dann ist die andere schon weg.

„ – …ganz bestimmt nicht.“ Ausatmen. Sie sieht auf die Uhr.
Halb Vier.
Noch eine weitere solche Begegnung kann sie heute nicht verkraften, das ist sicher, erst recht nicht mit jemandem,
der ihr tatsächlich etwas vorzuwerfen hätte:
Dass sie sich einfach so aus dem Staub macht.
„Feigling“, sagt ihr Gewissen.

Am liebsten würde sie weg, jetzt gleich, aber zuerst muss sie notdürftig die Unordnung beseitigen.
Also noch einmal an die Arbeit.
Sie nimmt einen Spiegel vom Boden, sieht hinein und – erschrickt.

Ganz vergessen. Sie betastet ihre Wange.
Und Erika hat gar nicht danach gefragt. Helia wundert sich.
Hat sie es etwa übersehen? Oder sollte bei der Dame etwa Einfühlungsvermögen sichtbar werden?

Eine halbe Stunde später ist der Arbeitsplatz wieder begehbar,
sie hat sich beeilt, nimmt die Seife aus dem Fach und das Handtuch vom Haken, den Schlafsack klemmt sie sich unter den Arm.

Nicht noch einmal herkommen heute, falls gegen Abend einer von den anderen auftaucht. Auf keinen Fall im Atelier schlafen.
Feigling.
Ein Stockwerk tiefer gibt es eine Dusche, lauwarm zwar, aber man kommt auf klare Gedanken.

Im Grunde gibt es für Helia nichts zu tun, außer nach Hause zu gehen und Stellenangebote durchzusehen, Bewerbungen verfassen; aber nach Hause will sie nicht, weil dort Paul ist.
Sie ist ihm keine Rechenschaft schuldig, aber allein, ihn zu treffen, mit ihm reden zu müssen, das ist sie im schuldig.
Sie hat ihn ja gern, aber – Feigling, immer wieder Feigling.

elf22
Das Fahrrad quietscht, sie fährt ein Stück an der Straße entlang, ohne zu wissen, wohin. Noch ist es hell und warm und Helia fürchtet sich auch nicht vor der Nacht, aber dass sie sich selbst feige nennen muss, macht ihr zu schaffen.

Was will sie denn?  Am liebsten Gesellschaft, die von nichts etwas weiß, aber auch das ist feige.
Und warum auch soll sie sich auf die Suche nach jemandem machen, der keine Ahnung hat, wo sie doch genau weiß, zu wem sie
am allerliebsten möchte:

Zu Elli. Das wäre auch nicht feige. Das wäre Klarheit schaffen.

Sie biegt in die nächstbeste Straße ein, hält
zwischen Schrebergärten, und wählt die Nummer.

 

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